Trinkversuch zum Wohle der Verkehrssicherheit

Rechtsanwalt Hans Günter Sax hatte als Vorsitzender der Kreisverkehrswacht Straubing Vertreter der Polizei, des Amtsgerichts, der Staatsanwaltschaft, der öffentlichen Verwaltung und Stadträte, sowie weitere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zum Trinkversuch eingeladen. Rund 70 Personen waren der Einladung ins MSC-Heim am Gstütt in Straubing gefolgt, darunter Bürgermeister Hans Lohmeier und die Stadträte Beck, Euler, Geisperger, Grundl und Rengsberger, sowie der stellvertretende Bezirksvorsitzende der niederbayerischen Verkehrswachten, Siegfried Bäumel. Der Hauptreferent des Abends war DiplPsych. Dominik Hammer Suchtbeauftragter im Konzern TÜV- Süd.
Die Kreisverkehrswacht lädt traditionell zu dieser Veranstaltung zum Thema "Alkohol im Straßenverkehr" alle zwei Jahre ein und legt Wert auf die Feststellung, daß diese Veranstaltung eine ernsthafte Veranstaltung ist. Bereits Ende 1957, zwei Jahre nach der Gründung, war die Kreisverkehrswacht Straubing mit der Durchführung des ersten Trinkversuches beschäftigt. Vorsitzender Sax zitierte genüßlich aus dem damaligen Sitzungsprotokoll. Acht Versuchspersonen mußten auf einer Bühne in der Zeit von 20 bis 22 Uhr verschiedene Biersorten in verschiedenen Mengen und mit verschiedenen Trinkgeschwindigkeiten zu sich nehmen. Aus dem Protokoll geht nicht genau hervor, ob die Versuchspersonen damals allesamt Polizeibeamte sein mußten.

DiplPsych. Dominik Hammer hielt ein einstündiges vielbeachtetes Referat zum Thema "Anleitung zum richtigen Trinken". In seiner Einleitung wies der DiplPsych. darauf hin, daß Alkohol eine Droge - und ein Geschenk sei, mit dem die meisten Menschen vernünftig umgehen würden. Eine klare Aussage machte er: Alkohol (und Drogen) dürfen im Straßenverkehr nicht ein bißchen erlaubt oder ein bißchen verboten sein. Der Autofahrer brauche klare Signale: wer fährt, trinkt nicht. Insbesondere wies er darauf hin, daß Trinkversuche der realistischen Aufklärung dienen, nicht etwa der "Verführung" oder dem "Herantrinken". Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit müssen verstehen, daß falsche Solidarisierung mit Alkoholfahrern nicht nur der Verkehrssicherheit, sondern auch den Betroffenen selbst schadet.
DiplPsych. Hammer gab in einer "kleinen Warenkunde" Auskunft über Alkohol in Getränken und darüber, was mit dem Alkohol im Körper geschieht. Bezüglich des Alkoholabbaus teilte er mit, daß es keine Wundermittel zum verstärkten Abbau des Alkohols im Körper gäbe und daß es auch keine nennenswerte Beschleunigung des Abbaus durch Tanzen, Holzhacken oder auch Schlafen gäbe. Insbesondere würde eine toxische Belastung,
z. B. durch Medikamente oder Koffein, eher zu einer Verzögerung des Alkoholsabbaus führen. DiplPsych. Hammer bemühte sogar Siegmund Freud zur Wirkung des Alkohols bei Menschen: "Die Veränderung der Stimmungslage ist das wertvollste, was der Alkohol dem Menschen leistet, und weshalb dieses "Gift" nicht für jeden gleich entbehrlich ist...Es ist überaus lehrreich zu sehen, wie die Anforderungen an den Witz mit einer Hebung der Stimmungslage sinken…Unter dem Einfluß des Alkohols wird der Erwachsene wieder zum Kinde, dem die freie Verfügung über seinen Gedankenablauf ohne Einhaltung des logischen Zwanges Lust bereitet."
DiplPsych. Hammer teilt die Alkoholtrinker in Gruppen ein: Neben dem Nichttrinker (seltener als fünfmal Alkoholgenuß im Jahr) gibt es den Kulturtrinker (ca. sieben halbe Bier oder sieben Schoppen Wein pro Woche), den Vieltrinker und die Gruppe der "Gefährdeten". Die Vieltrinker stellen 15 % der Erwachsenen dar und konsumieren ca. 20 % des produzierten Alkohols. Die Gruppe der Gefährdeten beträgt 13 % und vernichtet "66 %" des produzierten Alkohols.

Besonders wies Hammer darauf hin, daß der "Kulturtrinker" schon bei 0,5 Promille eine sogenannte Trinksperre erlebt, die vergleichbar mit dem Sättigungsgefühl beim Essen ist. Bei 1,3 Promille sei das Ende des "bürgerlichen" Trinkens erreicht. Wer 1,5 Promille und mehr erreicht und aushält, liefere schon den Beweis für die Gewöhnung im Umgang mit Alkohol. Der Diplom Psychologe wies darauf hin, daß ein ca. 80 kg schwerer Mann um 1,6 Promille Blutalkoholkonzentration zu erreichen, in ungefähr fünf Stunden acht halbe Bier oder knapp acht Viertel Wein oder 24 Schnäpse trinken müsse. Wenn sich jemand mit 1,6 Promille noch an das Steuer seines Autos setze, dann bestehe die 35-fache Unfallwahrscheinlichkeit.

Ganz besonders warnte der Redner vor dem sogenannten "Rauschtrinken" bei Jugendlichen. Er wies insbesondere auf die schädlichen Folgen hin. Das Risiko der Abhängigkeitsentwicklung bei Jugendlichen sei besonders hoch. Das Schlagwort dazu laute: Harte Droge trifft weiche Persönlichkeit. Die Schädigungen bei Jugendlichen seien wesentlich schwerwiegender. Regelmäßiges Rauschtrinken führe zu behinderter Identitätsentwicklung, versäumten Entwicklungsaufgaben und fehlenden sozialen Fähigkeiten. Als Mittel dagegen nannte DiplPsych. Hammer als wirksamsten Faktor der Prävention die Abschaffung der Verfügbarkeit von Alkohol für diese Altersgruppe. Das Trinken in der Öffentlichkeit sollte erst ab 18 Jahren erlaubt werden. Wie beim Führerschein sollte unter Umständen ein sogenanntes "begleitetes Trinken" überdacht werden. Hammer forderte ein absolutes Verbot von sogenannten Flatrate-Partys. Gleichzeitig sollten Alkoholtestkäufe durch Jugendliche durchgeführt und bei Verstößen gegen die Verkäufer bis hin zum eventuellen Konzessionsentzug Strafen ausgesprochen werden. Hammer wies darauf hin, daß das Risiko einer späteren Alkoholproblematik um 50 % reduziert wäre, wenn bei Jugendlichen der Alkoholkonsum erst 5 Jahre später als bisher erlaubt würde.
Zum Abschluß seines hoch interessanten Vortrages gab der Referent aber auch wichtige Anleitungen zum richtigen Trinken. So sollten Trinker auch angesprochen werden, wie z. B. "Du gehst mit Alkohol falsch um". Es sollten auch klare Regeln für Feiern und Trinkanlässe formuliert werden. Die Erwachsenen sollten im Umgang mit Alkohol Vorbilder sein. Alkohol sollte man nur trinken, wenn man entspannt ist - nie, um entspannt zu werden. Darüber hinaus sollte man mäßig trinken und mindestens zwei alkoholfreie Tage pro Woche einhalten.

Nach dem Vortrag des Suchtbeauftragten des Konzern TÜV-Süd führte ein gemeinsames Abendessen bei den Teilnehmern am Trinkversuch zum gleichen Nüchternheitsgrad. Jeder der Teilnehmer konnte dann seinen persönlichen Trinkversuch mit Alkohol - und Reaktionstest nach Wahl durchführen. Gegen 23:00 Uhr wurde die Veranstaltung durch den Vorsitzenden Hans Günter Sax beendet. Er bot sogar an, daß die Testteilnehmer mit Anrufsammeltaxis nach Hause gefahren würden. Die Teilnehmer an dieser Veranstaltung der Kreisverkehrswacht waren voll des Lobes über die Qualität des Vortrages und über die Möglichkeit des Selbstversuchs. Der Kreisverkehrswachsvorsitzende war voll des Dankes darüber, daß 10 neue Mitglieder die vielfältige Arbeit der Kreisverkehrswacht Straubing durch Ihren Beitritt anerkannten und von nun an unterstützen werden.

Anleitung zum richtigen Trinken Teil1
Anleitung zum richtigen Trinken Teil2

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